W 4.7.2.
Die Eigenschlaufe (Eigendünkel) zum Verschwinden bringen

Die Eigenschlaufe ist ein Vorgehen, bei dem die ganze Welt nach der eigenen Meinung, Einstellung und gemäss der individuellen Perspektive begriffen wird. Diese Praxis beurteilt und ordnet nach dem, was eigene Sicht und Stellung vorgeben. Die Eigenschlaufe verhindert, Andere wahrzunehmen oder sie bewirkt, dass wir nur den Andern und seine Anliegen nur teilweise an uns heranlassen. Fundamentalismus, Dogmatismus und Einseitigkeit sind die offenbarsten Phänomen. Egozentrierung, Recht-haben-wollen oder Unwille gehören in den selben Bereich. Auch Überheblichkeit, Fixiertheit und Eigensinn gehören dazu. Zu glauben, dass man begrenzt ist, und dies als feste Wahrheit zu sehen, ist ebenfalls ein Ergebnis der Eigenschlaufe, denn wir sind dazu geschaffen, mehr zu werden, als unsere jetzigen Eigengrenzen vorgeben. Umgekehrt ist jedoch die Überheblichkeit, die uns sagt, dass wir mehr wert sind, als wir sind, ebenso ein Produkt der Eigenschlaufe. Eine vertrackte Sache also. Sie heisst auch “Eigendünkel”, weil sie die Sicht auf die reine Wahrheit und tiefe Echtheit verdunkelt und den Zugang verengt.

Die Eigenschlaufe ist eine Form von Autismus, die zwar in voller Kommunikation mit Anderen stehen kann, aber schliesslich nur fähig ist, die eigenen Anliegen zu extrahieren. Die Eigenschlaufe kann in hoher oder niedriger Dosierung auftreten. Sie aufzugeben ist eine Aufgabe der grossen Meisterschaft. Damit dies möglich wird, ist es von nöten, dass das Trajekt ausgebildet ist, und dass die eigene Vitalität ein sehr hohes Mass von Energie zuliefert. Zudem erfordert dies eine klare Bewusstheit und eine Weisheit, welche Zuvorkommenheit nicht praktiziert, sondern inkarniert. die Eigenschlaufe verhindert, die Tiefe der Existenz zu erkennen und verunmöglicht, das existentiale Schweigen zum Reden zu bringen. Sie zum Verschwinden zu bringen bedeutet, das neue Morgen heute vorzubereiten.
Das ist ja auch eine der schwierigsten Selbstbeschränkungen, die der Einzelne als Lebensaufgabe vorfindet. Es ist so etwas wie die Baron-von-Münchhausen-Aufgabe, sich am eigenen Haar aus dem Sumpf zu ziehen, jedoch mit einem Nachteil: Meist ist der Wille gar nicht dazu da, seine Selbstverengung als Sumpf oder Verhaftetheit zu erkennen. Und selbst wenn dies erkannt ist, besteht zumeist keine wirkliche Lust, daran etwas zu ändern, da die Eigen-Ausreden vielfältig sind: “Ich bin wie ich bin”. “Jeder hat seine Grenzen und Fehler”.
Es ist zwar sehr interessant, die Eigenschlaufe theoretisch zu beschreiben, jedoch ist ihre Essenz nur in der Praxis und der transformierenden Erfahrung zu verwirklichen. Deshalb gehört dieses Modul zum Bereich der reinen Praxis und ist kein abstraktes Wissensthema. Wir üben uns darin, die verschiedenen alltäglichen Fallen der Eigenschlaufe zu entdecken, zu benennen und einen Wandel vorzuspuren.