W 5.8.5.
Geheimnis - der Umgang mit dem Unerkennbaren
Warum absoluter Respekt wieder einen Platz braucht

Es gibt zwei Grosskategorien von Erkennbarkeit. Gewisse Dinge sind erkennbar, selbst wenn wir sie noch nicht, oder wenn wir sie nicht mehr kennen. Ein Hinweis dazu: Wer Augen hat, kann die Blumen der Wiesen schätzen, wer Ohren hat, kann Musik hören, und was er noch nicht weiss, kann er kennen lernen; das Unerkannte, das erkannt werden kann, ist das unbekannte Erkennbare. Es gibt aber Unerkanntes, das gar nie erkannt werden kann. Das ist das eigentliche Geheimnisvolle, aber dem Wissen, Wahrnehmen und Denken nicht zugängig. Deshalb hat die Wissenschaft die grosse Tendenz zu sagen: “Was ich nicht weiss, macht mich nicht heisst”. Dennoch hat das Geheimnis Wirkung. In solchen Fällen besteht die Tendenz, Worte wie “Schicksal” oder “Zufall” oder “gibt es nicht” zu gebrauchen.

Das echt Geheimnisvolle kann nicht artikuliert und gewusst werden, aber gewisse Aspekte dieses Geheimnisvollen können erfahren werden, und zwar in einer Erfahrung, die wortlos verläuft, die jedoch ganz genau “weiss”, was ist. Das ist absolute Erkenntnis. Ein Beispiel dazu: Ich erfahre, dass ich Ich bin, kann aber nichts dazu sagen ausser “ich bin”. Diesen Satz aber sagt jeder Andere auch von sich. Keiner, der nicht dieser Andere in seiner Identität und Erfahrung ist, weiss, wie dieser Andere “sich ist”. Der Andere seinerseits kann nicht wissen, wie es ist “mich” zu sein. Zwar haben wir gleiche oder ähnliche Empfindungen, doch das ist nicht das, was “ich bin”. Jeder von uns ist für die ganze Menschheit ein undurchdringliches Geheimnis.

Wir können auch nicht erkennen, was das Allerkleinste im Kosmos ist, und wir können nicht wissen, was das wirkliche Ganze ist. Selbst wenn man die eine und einzige Theorie für das Ganze sucht - sie ist nicht auffindbar. Weil sich dann eine noch kleinere Einheit zeigt oder eine noch höhere Komplexität des Ganzen. Sich dennoch auf die Realität das Geheimnisvollen einzustellen und dabei sich und seine Erfahrungen diesem Unerkennbaren auszusetzen, ist nur innerhalb des zweiten Erkenntnissystems möglich. Dieses arbeitet mit Erfahrungen, die ebenso wahr sind, wie sachbegründete Verstandeswahrheit, aber unsagbar bleiben. Institutionalisierte Religionen, vor allem die monotheistischen Schriftreligionen, sind dem Sog der Sprache erlegen und haben das Unerkennbare und Unnennbare in Worte gefasst und diesen Worten Relevanz zugesprochen. Daoismus, Buddhismus und Mystiker haben sich solcher Banalisierung des Geheimnisvollen widersetzt. Das erste Kapitel des Dao De Jing sagt: “Das Dao, das man benennen kann, ist nicht das ewige Dao”. Modern gesprochen heisst dies: Wer vom Dao spricht, spricht nicht vom Dao. Dieses ist “nur” erfahrbar.

Heute gilt es, auch in weltlichen Dingen der Versuchung zu widerstehen, das Geheimnisvolle zu fassen und zu glauben, es könne technisch verfügbar werden. Die Ganzheit unseres Planeten zu retten und die Lebensgrundlagen zu bewahren wird uns nur gelingen, wenn wir den Umgang mit dem Geheimnisvollen, das wirkt, wieder entdecken. Dieser Umgang wurde seit der Aufklärung vernachlässigt, weil vorher das Geheimnisvolle missbraucht wurde (Spiritualität wurde als Rezept verstanden, übergreifende Ganzheit als der Kontrolle zugängig, und Macht als ein Allheilmittel gegen Unkontrollierbares.